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25.08.2022

4 min

Eva Müller

Eva Müller

Zeugungsverhütung - Lösung durch Ultraschall?

Eine Hand hält Ultraschall Gerät Coso. Es ist eine kleine ovale Schale.

Sex macht gesund. Sex hält fit. Sex hilft Stress abzubauen. Sex ist so ziemlich der komplette Allrounder, wenn es um physische und psychische Beschwerden geht. Und das Schönste an der Sache: es macht Spaß. Doch während sich all das auch easy mit einem oder mehreren Partner*innen teilen lässt, ist das Teilen der Verantwortung beim Sex nicht so einfach. 60 Jahre nach der Einführung der Pille lässt sich auf Seiten der Kontrazeptiva für Frauen* eine wahre Forschungsexplosion erkennen. Wollen Männer* jedoch langfristig und verlässlich reversibel verhüten, blicken sie bisher unverändert auf das kleine glänzende Quadrat im Drogeriemarkt: das Kondom.

Eigentlich müssten die Männer anfangen, für mehr Gleichberechtigung zu sorgen, aber so etwas tun Männer nicht von selbst.
Wolfgang Bühmann Sprecher des deutschen Urologenverbandes

Projekte, die eine größere Auswahl an Verhütungsmethoden für Männer* schaffen wollten, gab es in der Vergangenheit einige. Doch auch das bisher wohl bekannteste Projekt, der “Sperm Switch” von Clemens Bimek, zeigt: Das Funktionieren einer Methode allein reicht wohl nicht aus, um den nötigen gesellschaftlichen Wandel auszulösen. Clemens Bimek selbst trägt sein Verhütungsventil seit 2009 erfolgreich. Bisher ist er jedoch der Einzige. Für die klinische Studie stehen ausreichend Probanden zur Verfügung. Ausreichend Investoren für die nötigen finanziellen Mittel fehlen jedoch seit nun 13 Jahren. Doch woran liegt das? Naja, einfach gesagt: weil sie niemand herstellen will. Pharma-Unternehmen investieren bisher nicht in Forschungen, da sie keine Absatzmärkte für die potentiellen Kontrazeptiva erkennen. Einfach ausgedrückt: Sie glauben nicht daran, dass Menschen mit Hoden ein Verhütungsprodukt kaufen würden.

Als Frau*, die versucht, aus all den angebotenen Verhütungsmittel das für sie kleinste Übel herauszusuchen, scheint mir das doch sehr schwer nachvollziehbar. Aber auch ich frage mich: Was fehlt in den bisherigen Forschungsprojekten, um Menschen mit Hoden die Selbstbestimmung über ihre eigene Reproduktion attraktiver werden zu lassen?

Für ein Hochschulprojekt habe ich mich mit eben dieser Frage ebenfalls auseinandergesetzt und dafür unter anderem die Münchnerin Rebecca getroffen, die an einem spannenden Projekt arbeitet: COSO. CO- steht für Contraception, -SO für Sonography, also Ultraschall. Also eine Verhütungsmethode, die per Ultraschall funktionieren soll.

Nachdem bei ihr selbst eine Vorstufe von Gebärmutterhalskrebs entdeckt wurde, konnte sie keine hormonellen Verhütungsmethoden mehr nutzen. Auf der Suche nach Alternativen stellte sie sich zum ersten Mal die Frage: Wo bleiben die Optionen für Menschen mit Hoden?

Mit COSO möchte Rebecca nun die Problematik lösen, an denen bisherige Projekte gescheitert sind: Männer müssen die Verhütungsmethode wollen. Dafür muss sie einfach zu bedienen sein, schmerzfrei, ästhetisch ansprechend und natürlich zuverlässig sowie reversibel. Das Schlüsselwort ihrer Entwicklung ist: Nutzerakzeptanz.

Von Beginn an ließ sie ihren gesamten Projektverlauf von einer gleichbleibenden Gruppe an Männern in monogamen Beziehungen begleiten. Diese Gruppe bewertete in jedem Schritt, welche der Optionen für sie am ansprechendsten ist: von der Art der Funktionsweise, über die Handhabung, bis hin zum finalen Design des Produkts. Was jedoch fest stand: Es würde kein hormoneller Ansatz werden. Die hormonelle Last zu verlagern, könne nicht die Lösung sein.

Zur Grundidee der Funktion: COSO ist eine ultraschallbasierte Verhütungsmethode, die auf der thermalen Verhütung basiert. Eine frühe Form der thermalen Verhütung ist das sogenannten Hodenbaden: Ab 1930-1950 erforschte die  Schweizer Ärztin Martha Vögeli die Technik und auch in den 80er Jahren spielte die Methode in einer linksautonomen Bewegung in Zürich eine tragende Rolle im Kampf von Männern gegen das Patriarchat.

Rebecca hat diese Methode mithilfe einer ultraschallbasierten Technik nun weiterentwickelt - alles basiert jedoch zum aktuellen Zeitpunkt noch auf einer Hypothese, für die sie Daten aus einem Tiermodell auf einen Menschen übertragen hat. Aktuell befinden sich Rebecca und ihr Team auf einem hürdenreichen Weg zu ihrem Ziel, COSO irgendwann tatsächlich auf den Markt zu bringen. Der nächste große Meilenstein: die klinischen Studien.

Der Prototyp des COSO sieht schick und ästhetisch aus. Auf Instagram ließ Rebecca ihre Follower dazu abstimmen, wo sie ihren potentiellen COSO in der Wohnung platzieren würden. Was heute der Smart Speaker ist, könnte in Zukunft COSO werden. Neben dem Zahnputzbecher im Bad, auf dem Nachttischchen oder einen Griff vom Sofa entfernt: männliche Verhütung als Lifestyle Element in der Wohnung. Rebecca blickt positiv auf ein mögliches gesellschaftliches Umdenken, mit dem Verhütung einmal gleichberechtigt sein kann. Die junge Generation sei reflektierter und gehe offener mit dem Thema Verhütung um.

Noch ist COSO Zukunftsmusik. Aber je mehr wir uns über alternative Verhütungsmittel austauschen, diskutieren und berichten, desto lauter ist das Signal: Wir wollen und brauchen männliche Verhütungsmethoden. Denn gleichberechtigte Verhütung bedeutet bessere Verhütung. Immer lauter, bis selbst die Pharmaindustrie zum Umdenken gezwungen ist.

Better Birth Control steht in keiner Verbindung zu der Firma "COSO" und spricht keine Empfehlungen für das potentielle Verhütungsmittel aus. Da keine klinischen Studien zu thermalen Verhütung existieren, ist es schwer, die Nebenwirkungen sowie die Sicherheit von thermaler Verhütung zu benennen. Wenn ihr Fragen dazu habt, wendet euch an eure/n Urolog*in.

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* Wir sprechen zwar von Frauen und Männern, sind uns aber der Vielfalt von Geschlechtern bewusst und fordern eine bessere Verhütung für alle Menschen.

Quellenverzeichnis